Monatsspruch September 2026 -
Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und ein Haschen nach Wind. (Kohelet 4,8)
Ich schreibe diese Andacht ein paar Tage nach meiner Verabschiedung. Jetzt bin ich also im Ruhestand. Klingt komisch, daran werde ich mich erst gewöhnen müssen ….
Das Fest zu meiner Verabschiedung am 12. Juli war einfach traumhaft. Schöner hätte es nicht sein können. Darum allen, die dazu beigetragen haben, ein ganz ganz großes DANKE! Der Gottesdienst, die Musik, das Essen, das ganze Drumherum. Ihr wart fantastisch.
Dieser Dank gilt aber auch der ganzen Kirchengemeinde. Als Kurseelsorger war ich 30 Jahre lang zu Gast bei euch, aber ich habe von Anfang an ein Zuhause gefunden. Darum auch ein Danke an die Gemeinde Volmerdingsen-Werste und all die Menschen, die sich dort engagieren.
Wenn ich zurückblicke, dann kann ich sagen, dass ich gerne gearbeitet habe. Es hat mir Freude gemacht, auf ganz unterschiedliche Arten von Gott zu erzählen. Und ich hoffe, dass ich an der einen oder anderen Stelle auch etwas bewirkt habe. Aber was kommt eigentlich jetzt? Ruhestand …. Ist das jetzt alles vorbei? Müsste ich nicht noch …? Ich könnte ja schon, denn so alt bin ich doch noch nicht …!
Der Prediger Kohelet, aus dessen Buch der Monatsspruch stammt, war ein weiser Mensch. In seiner Logik ist es nicht erstrebenswert, immer alle Hände voll zu tun zu haben. Ihm geht es um eine ausgewogene Balance, ein ausgeglichenes Verhältnis von Arbeit und Ruhe. Wenn man keine Hand frei hat, dann kann man nichts Neues beginnen. Wenn beide Hände leer sind, ist es aber auch nicht gut, denn andauernde Faulheit macht am Ende unglücklich. Am schlimmsten aber ist es, wenn man einander übertrumpfen will. Wenn man dem Anderen immer eine Nasenlänge voraus sein möchte. Das kostet unglaublich viel Kraft und führt am Ende auch wieder nur ins Unglück.
Und doch erliegen wir genau dieser Gefahr immer wieder. Wenn der Terminkalender voll ist, dann bin ich wichtig. Wenn ich sagen kann, dass ich wirklich alle Hände voll zu tun habe, dann ist es gut. Wenn ich es ohne mich einfach nicht geht, dann fühlt sich das gut an. … Stimmt das wirklich? Oder bin ich am Ende völlig leergebrannt und habe nichts mehr? Und stelle fest, dass es nur ein Haschen nach Wind war.
Genau das möchte Kohelet nicht. Darum ist ihm Ausgeglichenheit so wichtig. Und Jesu sieht das übrigens genauso, wenn er sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wenn du eine Tafel Schokolade hast, dann gib eine Hälfte ab. Aber die andere Hälfte darfst du selbst essen.
Die Chance des Ruhestands besteht darin, dass man kann, aber nicht muss. Jetzt im September ist die Kirchengemeinde ein bisschen verwaist. Die Eine ist gegangen, die Andere noch nicht gekommen und die Dritte kann gerade nicht. Da darf ich einen „Gastdienst“ machen. Das mache ich gerne, aber es ist ganz freiwillig, ohne Zwang.
Im Ruhestand ist Ausgeglichenheit sicher leichter, weil die Zwänge weniger sind. Aber ich glaube, dass es sich in jeder Lebensphase lohnt, darüber nachzudenken, wie man es denn selbst mit der Ruhe und dem Haschen nach Wind hält. Balance und Ausgeglichenheit sind einfach wichtig. Denn dann kommt niemand zu kurz. Nicht ich selbst und auch nicht mein Nächster.
Eine behütete Zeit – und noch einmal DANKE - Uwe Rosner