Zerbrochen und ganz – Von einem alten Handwerk, das auch Gottes Handwerk ist

In Japan gibt es ein traditionelles Handwerk, um gesprungene Keramik zu reparieren. Es heißt Kintsugi. Der Handwerker klebt die Scherben einer Schale nicht einfach nur wieder zusammen und repariert sie. Sondern: In einem langen Arbeitsprozess versieht er die Bruchstücke mit einem besonderen Lack, in den er feinstes Goldpulver gemischt hat. Die Linien des Bruches werden also nicht kaschiert, sondern sogar hervorgehoben. Die Bruchstellen glänzen golden. Sie sind wie Narben, die eine Geschichte erzählen. Eine Kintsugi-Schale zeigt: Ich bin an verschiedenen Stellen gebrochen. Ich habe vieles überstanden. Es hat Mühe und Zeit gekostet, wieder ganz zu werden. Und man wird es immer sehen. Ich bin nicht wie vorher. Aber nun bin ich ganz und kann wieder neu gefüllt werden.
Hinter Kintsugi steht eine besondere Auffassung von Schönheit. Schön ist nicht nur, was makellos ist. Schön ist auch, was vergänglich und fehlerhaft ist. Die japanischen Kintsugi-Handwerker sind überzeugt, dass eine Sache schöner wird, wenn sie Brüche bekommt und eine Geschichte hat. Sie wird durch die vergoldeten Risse noch wertvoller. Die Kintsugi-Handwerker würden es vielleicht so ausdrücken: Eine zerbrochene Tasse ist nicht kaputt, nur anders…und noch besser!
Mir gefällt dieses alte Handwerk und was dahintersteht. Zerbrochenes ganz machen. Dieses alte Handwerk ist auch ein Handwerk Gottes

Für mich ist das eine schöne Vorstellung: Gott heilt meine Brüche mit einem Goldstaub wie ein Kintsugi-Handwerker. Das Zerbrochene bekommt eine neue Form. Die Risse bleiben sichtbar. Ich muss die Beschädigungen nicht verstecken. Sie verändern mich. In der neuen Form ist das Alte immer noch enthalten. Aber durch den Goldstaub entsteht eine neue Gestalt. Zerbrochen und doch ganz. So kann ich leben."

 

(Ein Text von Dr. Anke Spory!)